
Die Menagerie ist eine
gebaute Struktur - eine Konstruktion. Diese Konstruktion ist ein gegenüber
der Außenwelt abgeschlossener Komplex. Dieses Gebäude, eingebettet
in einen botanischen Rahmen, beherbergt eine Population von Bewohnerorganismen.
Dabei muß der Komplex meherere Aufgaben erfüllen: Mit der tragenden
Konstruktion und seiner gläsernen, äußeren Hülle bietet
der Raumkörper eine schützende Membran, die innere und äußere
Welt trennen aber gleichzeitig noch durchlässig ist für einen wechselseitigen
Austausch von Eindrücken. Die äußere Hülle ist dabei
eine ambivalente Struktur die offen läßt ob die inneren Existenzen
vor der rauhen Außenwelt, oder der Betrachter vor der potentiellen Gefährlichkeit
des Innenlebens geschützt werden soll. Mit seiner inneren Struktur, einem
geometrischen Raster, schafft das Gebäude eine Vielzahl von Parzellen.
Diese Parzellen bilden deutlich voneinander abgegrenzte Subräume, die
den limitierten Lebensraum und die spezifische Perspektive der beherbergten
Individuuen vorschreiben. Die Isolation der Parzellen wird durchbrochen durch
ein verzweigtes Netzwerk an Versorgungs- und Informationsleitungen, die der
Komplex zur Verfügung stellt. Das Gebäude erscheint dadurch, ungeachtet
seiner geometrisch-rationalen Gestalt wie ein großer Wirtsorganismus
der die Existenz seiner parasitären Gäste sichert. Das Gebäude
ist gekennzeichnet durch seine mitleidlose Transparenz, durch die sein repetitiv-zirkuläres
Innen- und Eigenleben zur Schau gestellt wird. Letztlich ist es nichts weiter
als eine von obskuren Entitäten bevölkerte Vitrine - eine Menagerie
en miniature.
"Seit sich das Verhalten auf bestimmte Bildschirme oder auf Operationen
ausführende Terminals konzentriert, erscheint das Übrige nur noch
als ein großer nutzloser Körper, den man verlassen und verdammt
hat." (J. Baudrillard)
"Vor diesem punktgroßen Insekt, das auf meinem Tisch rannte,
war meine erste Reaktion barmherzig: es erdrücken, dann beschloß
ich es seiner Panik zu überlassen. Wozu es davon befreien? Nur hätte
ich zu gerne gewußt, wohin es eilte!" (Cioran)
Die Bewohner-Organismen der Menagerie definieren sich über differenzierte
Funktionen wieWahrnehmung, Bewegung, Reaktion. Sensibilisiert durch akkustische,
optische (Infrarot-) Sensoren, oder Kleinstvideokameras, werden motorische
beziehungsweise pneumatische Handlungen ausgelöst. Die Steuerung dieser
Handlungen erfolgt über speicher-programmierbare Steuerungen. Sensorische
Impulse werden (digital) mit kinetischen Reaktionen verknüpft. So verfügen
diese Entitäten über eine primitive Schnittstelle zu ih-rer unmittelbaren
Umwelt, die es ihnen ermöglicht untereinander zu kommunizieren, hinzutretende
Betrachter wahrzunehmen und auf sich verändernde Situation zu reagieren.
Die Existenz einiger Organismen ist von Irritation gekennzeichnet die von
Monitoren ausgelöst wird die in den Parzellen installiert sind. Die Wahrnehmung
der betroffenen Organismen orientiert sich an diesen Bildschirmen. Somit befindet
sich die Menagerie in ständiger Produktion und Rückkopplung von
Bildern ihrer selbst. Alleingelassen mit ihrer offensichtlichen Beschränktheit
in Feinmotorik Wahrnehmung und Orientierung, führen diese Wesen eine
fragwürdige Existenz in einem von Simulation und Künstlichkeit geprägten
Lebensraum. Isoliert voneinander erheischt ein jedes nur einen Auschnitt des
gesamten Zusammenhangs. Die Grenzen dieses fragmentarischen Blicks werden
durch die Fluchtlinien der ihnen zu gewiesenen Perspektive gezogen. Wie hypnotisiert
sind die Organismen in ihren bescheidenen Bemühungen gefangen, ohne je
ihr Ziel zu erreichen. In ihrem Beharren auf ihre Sicht der Welt, geben sie
sich dabei gewissermaßen der Lächerlichkeit preis. Gleichwohl gewinnen
sie unsere Sympathie, wähnt doch der Betrachter hinter den sich rythmisch
überlagernden Wiederholungen von letztlich sinnlosen Aktionen eine Choreografie
des Alltäglichen.
"Mimosa, artenreiche Hülsenfrüchtegattung der Unterfamilie
der Mimosengewächse (Mimosoideen). Bei dem halbstrauchigen Tropenunkraut
schamhafte M. (Sinnpflanze, Nolimetangere, Rührmichnichtan, M. pudica)
klappen in Gelenkpolstern bei der geringsten Erschütterung und Berührung
die Blättchen nach oben zusammen und schließen das ganze Blatt
abwärts; durch die Stengel greift der Reiz abwärts auf andere Blätt
er über. Nach einiger Zeit richten sich die Blätter wieder zurück.
Verdunklung wirkt ähnlich („Schlafstellung“). Daher Sinnbild
für übertriebene Empfindsamkeit."
Ein florales Netz umspannt das Gebäude. Auf einem scheinbar niederen
Stadium einer Evolution verharrend, stehen die Pflanzen stoisch dem Komplex
gegenüber. Flechtengleich, wuchernd erobern ihre Wurzeln und Triebe den
Raum. Die Gewächse umrahmen den Gebäudekomplex wie tröstendes
„Architektengrün“, wirken jedoch fragwürdig in der ihnen
zugedachten Rolle, dekoratives Beiwerk eines nüchternen Rasters zu sein.
Obwohl auch sie nur konstruierte Existenzen sind, entwickeln sie klammheimlich
ihre sensorisch-taktilen Eigenschaften, die sie als bescheidene, eigenwillige
Charaktere beschreiben. Über deren sensible Sinnesorgane finden rudimentäre
Reize aus Umgebung und benachbartem Gebäudekomplex Zugang zu deren Innenleben.
Diese von den Gewächsen eingefangenen und modifizierten Impressionen
werden verstärkt hör- und sichtbar wiedergegeben. Sie verfügen
über Fortpflanzungsorgane, deren Membrane sich zyklisch agitierend öffnen.
Hydrotranspiris (b.) erlaubt uns Einblicke in ihren Stoffwechselprozess. Letztendlich
erblühen diese Erscheinungen in ihren Autonomiebestrebungen für
kurze Zeit um gleich darauf im Bewußtsein der Systemabhängigkeit
mimosenhaft in sich zu kehren.
Wer weiß, ob die Gedanken nicht auch einen winzigen Lärm machen,
der durch feinste Instrumente aufzufangen und empirisch zu enträtseln
wäre. C. Morgenstern

